Ihr fragt mich was Angst ist? Angst kann sehr vieles sein.
Angst ist, wenn man nur sehr langsam wach wird.
Bevor man aufsteht liegt man einfach nur da und starrt in den Raum.
Über der Netzhaut liegt ein milchiger Film, der die Umwelt weich zeichnet.
Das verhasste Licht des neuen Tages dringt durch ein Fenster während man langsam beginnt, seinen Körper wahrzunehmen. Man kann erst jetzt bewusst seine Extremitäten Bewegen, welche vorher noch taub, und ungedehnt waren. Angst ist auch, wenn man eine ganze Weile dafür braucht, seine Gedanken in Bewegung zu versetzen. Angst ist, wenn man weder weiss, welcher Tag es ist, noch was man gestern und am Abend zuvor getan hat. Als man alle Ordner und Schubladen seines Gehirns danach durchsucht hat und endlich fündig geworden ist, fällt einem augenblicklich, wenn nicht sogar gleichzeitig ein, welche angsteinflößenden und unangenehmen Aufgaben auch heute
wieder zu bewältigen sind. Während man aufsteht, ist man von ständig zunehmender Angst umgeben.
Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sie einzuatmen.
Der nächsten Station der Angst begegnet man im Badezimmer.
Man blickt in den Spiegel und sieht ein Gesicht, das man kaum kennt.
Mit lebensmüden, aufgequollenen Augen schaut einen ein Fremder an.
Fettige Harre, grobporige, schuppige Haut, unrasiert.
Als dieser Fremde unter die Dusche tritt, bemerkt er,
daß sein Körper nicht mehr so aussieht, wie er ihn in Erinnerung hatte.
daß er nicht mehr im Besitz des Körpers ist, den er gerne hätte.
Angst ist, wenn man sich selbst nicht schön findet.
wenn man dick und weiß sind, oder auch dünn und solariumsgebräunt und man sich in seiner Haut nicht wohlfühlen kann.
Die bleichen Hände, die den verkalkten, matten Duschhahn aufdrehen, beginnen unter dem kalten Wasser eine lila Färbung anzunehmen.
Angewidert reibt man den schwammigen Körper mit Seife ein und fühlt
sich dabei, als würde man eine Qualle streicheln. Nachdem man alle Rituale, die zum traditionellen Beginn eines Tages notwendig sind ausgeübt hat und das Höchstmaß an Funktionalität von Körper und Geist wiederhergestellt ist, erreicht man den Höhepunkt des Tages mittels des Dramas um die erste Zigarette am Morgen, sofern man zu den rauchern zählt. Wenn nicht, so quält einen die frage ob es nicht an der Zeit wäre damit anzufangen, da man das Wettrennen mit dem Krebs sicherlich auf andere Art und Weise mit dem Exitus gewinnen kann.
Man bringt es hinter sich. Nach drei Zügen ist man schonungslos im Depressionsholocaust verloren. Die Probleme, hauptsächlich solche, die man sich selbst konstruiert hat, sausen einem wie Maschinengewehrsalven um die Ohren. Orgasmen aus Existenzängsten, Geldnöten, Beziehungskrisen, unfreundlichen Mitmenschen, bürokratiegetränkten Behördengängen und Termindruck schreien
einem von beiden Seiten um die Ohren, so daß man sich eine Kugel durch den Kopf schießen möchte, um dem ganzen Fiasko ein angemessenes Ende zu bereiten. Nach viereinhalb Minuten hört der Spuk so schnell auf, wie er begonnen hat. Der Glimmstengel erlischt im Aschenbecher. Zusammenfassend würde ich sagen,
daß Angst ein sehr großer Bestandteil des Lebens einer jeden Person ist.
Besser gesagt: geworden ist.
Man geht auf die Straße, hinaus aus der Sicherheit des eigenen Heims und sieht sich mit Menschen konfrontiert, die man nicht kennt, nicht einmal kennen möchte.
Die eigene Wahrnehmung verzerrt jedes Gesicht zu sabbernden, geifernden Fratzen, die um einen herum Stellung beziehen.
Man geht in ein Gasthaus, und befindet sich gegenüber eines älteren Ehepaares, das damit beschäftigt ist, salzige und vor Fett nur so triefende Nahrung in schmatzende Münder zu schaufeln. Der Mann zerreißt ein gebratenes Huhn mit den Händen und leckt sich die Finger ab. Die Frau schnappt hastig nach einer Gabel, auf der sich wässriger Krautsalat befindet. Die beiden erzählen einem stolz von ihren Blutwerten und behaupten, dass man, wenn man mit der Nahrung zu viel Salz aufnimmt, einfach mehr trinken müsse. „Ich trinke sowieso viel Bier“, sagt der Mann und beißt in seine Hühnerkeule. Man kontrolliert kurz ein paar Register in seinem Kopf und kommt
schließlich zu der Feststellung, dass er den Satz, den er eben sagte, todernst gemeint hat und von der Richtigkeit dessen Inhalts überzeugt ist. In der Phantasie schreit man den beiden „Salz bindet das Wasser in den Zellen, verdammt noch mal!“ und „Alkohol gilt nicht als Flüssigkeit!“ ins Gesicht; in der Realität hält man seinem Mund und versucht den Ekel, den die beiden in einem verursachen, nicht
überschäumen zu lassen. Auf ihren hochroten Köpfen bilden sich über den zusammengekniffenen Schweinsaugen die ersten, kleinen Schweißperlen. Angst beschleicht einen in dieser Situation lediglich in dem Augenblick, in dem man sich eingestehen muss, dass diese beiden Menschen keinen blassen Schimmer davon haben, was in der Welt um sie herum passiert und dass sie die Grenzen ihrer Köpfen niemals
überschreiten werden.
Später beschleicht einen die Angst noch im Bett, wenn man nicht weiss ob man sich das letzte mal zur ruhe bettet, und vielleicht nie wieder aufwachen wird, weil einen das unheimliche Gefühl überwältigt, das die wieteren 9 Stockwerke über dem eigenen herabzustürzen drohen, und man unter ihren Massen begraben wird. Oder auch nur die Regalplatte, welche in der porösen Wand über dem Kopfteil des Betts befestigt ist, fällt, in einem die Schädeldecke zerbirst. Trotz all dieser Ängste und unsicherheiten begibt man sich doch irgendwann in die Arme des Schlafs, in der Hoffnung Traumlos zu schlafen, und wartet auf den nächsten morgen, welcher mit neuen Wellen der Angst über einen hereinbricht, und die eigene Existenz auszuradieren droht.
So. Warum ich da sjetzt geschrieben habe hat mehrere Gründe. An erster Stelle wäre wohl die Regenwald-Maklerin, die mir ein Stück regenwald anbieten wollte, um es vor der Zerstörung zu retten, und mich mit den Worten:"Wovor hast du angst? Das dir vielleicht irgendwann die Luft ausgeht?" ,begrüßte. An zweiter Stelle steht der Gang zur universität heute, während dem mich ein seltsames Gefühl des unbehagens beim Blick auf die Straße und die Menschenmassen um die Ecke bei miener Haustür befiel. Und zuletzt kommt wohl noch das nachhausekommen hinzu, bei dem mir der Gang, der zu meiner Wohnungstüre führt noch kälter als sonst vorkam, und auch das Licht der Elektrischen Glühbirne die dort hängt eher wie eine ironische imitation von Licht welches dunkle Ecken erleuchtet, wirkte.
Deshalb habe ich hier wohl so etwas wie eine kleine Abhandlung über das thema "Angst" geschrieben, und glaube das sich auch sehr viele Leute damit identifizieren können.
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1 comment:
lieber haine, ich lese deinen blog nun schon seit einer weile und bin jedesmal begeistert. ich lache ja nicht oft beim lesen irgendwelcher texte, wenn ich mal schmunzle ist das schon viel - aber bei einigen deiner einfälle und situationsbeschreibungen musste ich regelrecht brüllen vor lachen. gratuliere!
bei diesem letzten blog-eintrag von dir verging mir aber das lachen, weil du die angstsituation derart gut beschreibst, die wohl jeder kennt. lass dir aber gesagt sein: das ist völlig normal und es geht wie gesagt jedem mal so. der unterschied ist immer nur, wie man damit umgeht: sich weichkriegen lassen oder die angst besiegen und drüber lachen. so wie ich dich einschätze, entscheidest du dich für letzteres. in diesem sinne: weiter so und blogge bald wieder was!
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